Ratgeber
Chiffren entschlüsseln: Cäsar, Substitution und Vigenère
Jede Verschlüsselung in einem Rätselheft ist dafür gebaut, geknackt zu werden. Die Frage ist nur, ob du eine Minute brauchst oder einen Abend.
Anselm Winter 12 Min. Lesezeit 1. Oktober 2026
Geheimschriften tauchen in Rätselbüchern, Escape-Spielen und Krimis öfter auf als jede andere Rätselform, und fast immer sind es dieselben drei Verfahren: die Verschiebung, die freie Ersetzung und die Verschlüsselung mit einem Schlüsselwort. Alle drei lassen sich mit Papier und Bleistift knacken. Der Trick ist, zuerst herauszufinden, welches der drei man vor sich hat, und dann das passende Werkzeug zu nehmen.
Die Verschiebung: Cäsar
Die einfachste und älteste belegte Form. Jeder Buchstabe wird um eine feste Anzahl Stellen im Alphabet verschoben. Der römische Geschichtsschreiber Sueton berichtet in seiner Lebensbeschreibung Caesars, dass dieser in vertraulichen Briefen jeden Buchstaben durch den dritten danach ersetzte: D für A, E für B und so weiter. Von Augustus überliefert er eine Verschiebung um nur eine Stelle.
Die Schwäche ist offensichtlich: Es gibt nur 25 sinnvolle Verschiebungen. Wer alle durchprobiert, ist nach spätestens 25 Versuchen am Ziel. Aber es geht schneller.
GHU VFKOXHVVHO OLHJW XQWHU GHP VWHLQ QHEHQ GHU WUHSSH
Erste Beobachtung: Das Wort GHU kommt zweimal vor, ein Dreibuchstabenwort. Im Deutschen sind das fast immer DER, DIE, DAS oder UND.
Zweite Beobachtung: Das H ist mit Abstand der häufigste Buchstabe – zwölfmal unter 45.
Wenn H für E steht, ist die Verschiebung drei. Dann wird G zu D, U zu R, und GHU heißt DER.
Klartext: DER SCHLUESSEL LIEGT UNTER DEM STEIN NEBEN DER TREPPE
Zwei Hinweise haben genügt, und beide sind übertragbar: kurze Wörter, die sich wiederholen, und der häufigste Buchstabe. Bei einem kurzen Text verlässt dich aber der zweite.
WUHIIHQ XP DFKW
Hier kommen H und I je zweimal vor, kein Buchstabe sticht heraus. Brauchbar ist stattdessen das Doppel-I in der Mitte des ersten Wortes und das Zweibuchstabenwort XP.
Probiere die Verschiebungen am kurzen Wort: Bei minus drei wird XP zu UM. Gegenprobe am ersten Wort: WUHIIHQ wird zu TREFFEN.
Klartext: TREFFEN UM ACHT
Das ist die wichtigste Lektion für Rätselhefte: Statistik braucht Text. Unter etwa hundert Buchstaben ist die Häufigkeit ein Hinweis, kein Beweis. Darunter arbeitest du besser mit Wortlängen und Doppelbuchstaben – und mit der Verschiebung durch Ausprobieren, die bei Cäsar nie mehr als 25 Versuche kostet.
Die freie Ersetzung
Bei der freien Ersetzung, auch Substitution genannt, wird jeder Buchstabe durch einen anderen ersetzt, aber nicht nach einer festen Verschiebung, sondern nach einer beliebigen Tabelle. A kann zu Q werden, B zu M, C zu X. Durchprobieren ist hier ausgeschlossen: Es gibt 26! mögliche Tabellen, rund 4 · 1026. Und trotzdem ist diese Verschlüsselung nicht sicherer als die Cäsar-Verschiebung, sobald der Text lang genug ist.
Der Grund ist die Häufigkeitsanalyse. Beschrieben hat sie als Erster der arabische Gelehrte al-Kindi im 9. Jahrhundert, in einer Abhandlung über das Entziffern verschlüsselter Briefe. Der Gedanke: Eine Ersetzung ändert die Buchstaben, aber nicht, wie oft sie vorkommen. Steht das E im Klartext an jeder sechsten Stelle, steht sein Ersatzbuchstabe im Geheimtext ebenfalls an jeder sechsten.
| Buchstabe | Anteil in deutschen Texten |
|---|---|
| E | 17,4 % |
| N | 9,8 % |
| I | 7,6 % |
| S | 7,3 % |
| R | 7,0 % |
| A | 6,5 % |
| T | 6,2 % |
Die Werte stammen aus der gängigen Standardtabelle und schwanken je nach Textsorte etwas; die Reihenfolge ab Platz 4 ist in verschiedenen Zählungen nicht ganz gleich. Verlässlich ist nur die Spitze: Das E liegt so weit vorn, dass es fast immer der häufigste Buchstabe ist, und die sieben Buchstaben der Tabelle machen zusammen weit über die Hälfte jedes Textes aus.
Das Vorgehen bei einer Substitution
- Zählen. Strichliste für jeden Buchstaben des Geheimtextes. Der häufigste ist vermutlich E.
- Kurze Wörter. Einbuchstabige Wörter gibt es im Deutschen praktisch nicht – findest du eines, ist der Text keine gewöhnliche Prosa oder die Wortgrenzen sind falsch. Dreibuchstabige Wörter, die oft vorkommen, sind DER, DIE, UND, DAS. Endet ein häufiges Dreierwort auf deinem vermuteten E, ist es wahrscheinlich DIE.
- Muster. Wörter mit Doppelbuchstaben oder wiederholten Buchstaben an festen Stellen verraten viel. Ein Siebenbuchstabenwort mit dem Muster ABCDDBE kann nur wenige deutsche Wörter sein.
- Eintragen und lesen. Trag die sicheren Buchstaben über den Geheimtext und lies, was entsteht. Lücken in halb lesbaren Wörtern füllt die Sprache von selbst.
Der vierte Schritt ist derselbe wie beim Kreuzworträtsel, wo ein paar sichere Buchstaben aus den Kreuzungen ein Wort lesbar machen, bevor man die Frage verstanden hat. Und wie beim Buchstabengitter lohnt sich ein Blick auf die seltenen Buchstaben: Ein Geheimbuchstabe, der nur einmal vorkommt, steht vermutlich für Q, X, Y oder J.
Das Schlüsselwort: Vigenère
Das dritte Verfahren war über Jahrhunderte die Antwort auf die Häufigkeitsanalyse. Statt eine einzige Verschiebung für den ganzen Text zu verwenden, nimmt man ein Schlüsselwort und verschiebt jeden Buchstaben um den Wert des Schlüsselbuchstabens, der gerade darüber steht. Ist das Schlüsselwort LUPE, wird der erste Buchstabe um L verschoben (elf Stellen), der zweite um U (zwanzig), der dritte um P (fünfzehn), der vierte um E (vier), dann beginnt das Wort von vorn.
Der Name ist ein historischer Irrtum. Beschrieben hat das Verfahren Giovan Battista Bellaso 1553. Blaise de Vigenère veröffentlichte 1586 eine eigene, stärkere Variante, und eine Verwechslung im 19. Jahrhundert brachte seinen Namen an das einfachere Verfahren. In Frankreich galt es lange als le chiffre indéchiffrable, die unentzifferbare Verschlüsselung.
Der Grund: Das E wird jetzt je nach Stelle zu vier verschiedenen Buchstaben. Mit dem Schlüssel LUPE wird es zu P, Y, T oder I. Die Spitze der Häufigkeitsverteilung verschwimmt, und die Strichliste zeigt fast nichts mehr.
Kasiskis Trick
Geknackt wurde das Verfahren über seine eigene Regelmäßigkeit. Charles Babbage fand den Weg um 1854, veröffentlichte ihn aber nicht. Der preußische Offizier Friedrich Wilhelm Kasiski beschrieb ihn 1863 öffentlich, und unter seinem Namen ist er bekannt geworden. Die Überlegung: Wenn dasselbe Klartextstück zweimal an Stellen steht, an denen auch das Schlüsselwort gleich darüber liegt, entsteht zweimal derselbe Geheimtext. Der Abstand zwischen den beiden Wiederholungen ist dann ein Vielfaches der Schlüssellänge.
OCTEV NTPTY VXTGD FPLTR QURLO CTEVN TMDNK SWFHX LYCHT A
Die Fünfergruppen sind nur Schreibhilfe, sie haben mit den Wörtern nichts zu tun. Gesucht sind wiederholte Folgen von drei oder mehr Buchstaben.
Gefunden: OCTEVNT steht ab Stelle 1 und noch einmal ab Stelle 25. Der Abstand ist 24.
Die Schlüssellänge teilt also 24: in Frage kommen 2, 3, 4, 6, 8, 12 oder 24. Kurze Schlüsselwörter sind wahrscheinlicher, also probierst du zuerst die kleinen Teiler.
Bei der Länge 4 zerfällt der Text in vier Spalten: Buchstabe 1, 5, 9 … bilden die erste, 2, 6, 10 … die zweite und so weiter. Jede Spalte ist für sich eine gewöhnliche Cäsar-Verschiebung. In der dritten Spalte steht das T fünfmal unter elf Buchstaben. Steht T für E, ist die Verschiebung fünfzehn – der dritte Schlüsselbuchstabe ist P.
In den anderen drei Spalten führt kein Buchstabe deutlich, dafür sind sie zu kurz. Hier hilft ein vermutetes Wort: Viele deutsche Sätze beginnen mit DIE. Setzt du DIE unter OCT, ergeben sich die Verschiebungen elf, zwanzig und fünfzehn, also L, U, P – und das P bestätigt die Spaltenzählung. Mit diesen drei Buchstaben entschlüsselst du gleich die Stellen 5 bis 7 und liest DIE ? KTE. Die Lücke kann nur ein A sein, aus dem Geheimbuchstaben E – Verschiebung vier, also E. Das Schlüsselwort ist LUPE.
Klartext: DIE AKTE LIEGT IM OBEREN FACH DIE AKTE IST VOLLSTAENDIG
Das Beispiel zeigt die Grenze ehrlich: Mit elf oder zwölf Buchstaben pro Spalte trägt die Häufigkeit nur in einer von vier Spalten, in der ersten würde sie sogar in die Irre führen. Ein vermutetes Wort ist bei kurzen Texten das stärkere Werkzeug. In der Praxis eines Rätselhefts hilft außerdem, dass das Schlüsselwort fast immer ein sinnvolles Wort ist: Hast du drei der vier Buchstaben, ergibt sich der vierte meist von selbst. Und in einem guten Rätselkrimi ist das Schlüsselwort ohnehin irgendwo im Fall versteckt – ein Name, ein Ort, ein Gegenstand.
Eine Wiederholung im Geheimtext ist kein Zufall. Sie ist eine Spur, die das Schlüsselwort hinterlassen hat.
Welche Verschlüsselung ist es?
Bevor du eines der Werkzeuge ansetzt, lohnt die Diagnose. Sie dauert zwei Minuten.
| Beobachtung | Vermutung | Werkzeug |
|---|---|---|
| ein Buchstabe deutlich vorn, Abstände im Alphabet passen zueinander | Cäsar | Verschiebung ausprobieren |
| ein Buchstabe deutlich vorn, sonst kein Muster | freie Ersetzung | Häufigkeit, kurze Wörter, Muster |
| Buchstaben auffällig gleichmäßig verteilt | Schlüsselwort | Wiederholungen suchen, Abstände teilen |
| nur Zahlen, Symbole oder Striche | Ersetzung durch Zeichen | wie freie Ersetzung behandeln |
Die letzte Zeile ist in Rätselheften häufig: Statt Buchstaben stehen Zahlen von 1 bis 26, Symbole oder kleine Zeichnungen. Das sieht exotisch aus, ist aber fast immer eine einfache Ersetzung in anderer Verkleidung. Steht 5 auffällig oft da, steht es vermutlich für E – und 5 ist zufällig auch die Stelle des E im Alphabet, was bei Zahlencodes oft schon die ganze Lösung ist.
Geheimschriften im Rätselkrimi
In einem gebauten Fall hat eine Verschlüsselung eine andere Aufgabe als in der Geschichte der Kryptographie. Sie soll nicht sicher sein, sondern fair: lösbar mit dem, was der Fall hergibt. Das heißt, der Schlüssel oder ein Hinweis darauf muss irgendwo stehen, und die Verschlüsselung darf nicht so lang sein, dass man einen Nachmittag mit Strichlisten verbringt. Ein Geheimtext, den man ohne Hilfsmittel nur durch Raten lösen kann, ist schlecht gebaut.
Das ist auch der Grund, warum Verschlüsselungen in Escape-Spielen für zu Hause fast immer Cäsar oder Zahlencodes sind: Das Zeitlimit lässt für Kasiski keinen Raum. Wer aus der Verschlüsselung eine Spur machen will, die zu einer Person führt, braucht dafür die Methoden der Ermittlung, nicht der Mathematik – sie stehen unter Kriminalfälle lösen. Und das Prinzip, aus einer festen Struktur auf das Verborgene zu schließen, ist dasselbe wie im Rösselsprung, wo die Silben sichtbar sind und nur ihre Reihenfolge verschlüsselt ist.
Häufige Fragen
Wie knackt man eine Cäsar-Verschlüsselung?
Am schnellsten durch Ausprobieren, denn es gibt beim lateinischen Alphabet nur 25 sinnvolle Verschiebungen. Schreib die ersten fünf, sechs Buchstaben des Geheimtextes ab und verschieb sie um eins, dann um zwei und so weiter, bis ein lesbares Wort entsteht. Bei längeren Texten geht es noch schneller über den häufigsten Buchstaben, der fast immer für das E steht.
Was ist eine Häufigkeitsanalyse?
Man zählt, wie oft jeder Buchstabe im Geheimtext vorkommt, und vergleicht das mit der bekannten Verteilung der Sprache. Im Deutschen ist ungefähr jeder sechste Buchstabe ein E, danach folgen N, I, S und R. Beschrieben hat das Verfahren als Erster der arabische Gelehrte al-Kindi im 9. Jahrhundert; es funktioniert bei jeder einfachen Ersetzung, aber erst ab einer gewissen Textlänge zuverlässig.
Warum galt die Vigenère-Verschlüsselung als unknackbar?
Weil derselbe Klartextbuchstabe je nach Stelle mit einer anderen Verschiebung verschlüsselt wird und die Häufigkeiten dadurch verschwimmen. Ein E kann einmal zum P, einmal zum Y werden. Erst als Friedrich Kasiski 1863 zeigte, wie man aus Wiederholungen im Geheimtext die Länge des Schlüsselworts bestimmt, ließ sie sich wieder in einfache Verschiebungen zerlegen.
Hat Vigenère die Vigenère-Verschlüsselung erfunden?
Nein. Beschrieben hat das Verfahren Giovan Battista Bellaso 1553. Blaise de Vigenère veröffentlichte 1586 eine eigene, stärkere Variante mit Selbstschlüssel, und eine Verwechslung im 19. Jahrhundert hängte ihm später auch das einfachere Verfahren an. Der Name ist geblieben, obwohl er nicht stimmt.
Wie erkenne ich, welche Verschlüsselung vorliegt?
Zähl die Buchstaben. Hat ein Buchstabe einen deutlichen Vorsprung von rund einem Sechstel, ist es eine einfache Ersetzung – Cäsar oder freie Substitution. Sind die Buchstaben auffallend gleichmäßig verteilt, steckt vermutlich ein Schlüsselwort dahinter. Bleiben die Wortgrenzen erhalten, hilft zusätzlich das Muster kurzer Wörter wie DER, DIE und UND.
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