Ratgeber
Schwierigkeitsgrade bei Krimirätseln: woran du sie wirklich erkennst
Drei Sterne auf dem Umschlag bedeuten nichts, solange niemand sagt, wovon sie drei sind. Es gibt aber vier Größen, die sich vor dem ersten Eintrag abzählen lassen.
Anselm Winter 11 Min. Lesezeit 4. September 2026
Auf dem Umschlag stehen drei Sterne, im Vorwort steht „für Fortgeschrittene“, und nach zwanzig Minuten stellt sich heraus: Der Fall ist in zehn Minuten erledigt. Oder er ist es nach zwei Stunden nicht. Beides passiert regelmäßig, und beides hat denselben Grund. Es gibt keine gemeinsame Skala für Rätselschwierigkeit, keine Stelle, die eine festlegt, und niemanden, der die Angabe eines Verlags gegen die eines anderen prüfen würde.
Was es gibt, sind vier Eigenschaften eines Falls, die man vor dem ersten Eintrag abzählen kann. Sie sagen mehr als jede Sterneangabe – und sie sagen es unabhängig davon, wer das Buch gemacht hat.
Was die Anzahl der Hinweise nicht verrät
Der naheliegende Gedanke lautet: viele Hinweise, leichter Fall. Wenige Hinweise, schwerer Fall. Er ist falsch, und beim Sudoku ist das inzwischen gut belegt – dort lässt sich dieselbe Frage sauberer untersuchen, weil alle Rätsel dieselbe Form haben.
Ein Sudoku braucht mindestens 17 vorgegebene Zahlen, damit es überhaupt eine eindeutige Lösung haben kann. Das ist kein Erfahrungswert, sondern das Ergebnis einer erschöpfenden Rechnersuche von Gary McGuire, Bastian Tugemann und Gilles Civario, veröffentlicht 2012 als Vorabdruck und 2014 in Experimental Mathematics: Ein Sudoku mit 16 Vorgaben gibt es nicht.
Interessant ist, was danach kommt. Man könnte annehmen, diese Rätsel am unteren Rand seien besonders schwer – schließlich ist weniger vorgegeben als bei jedem anderen. Von den bekannten Sudokus mit genau 17 Vorgaben lässt sich aber ein knappes Viertel bis knapp die Hälfte, je nach gezählter Technik, mit den einfachsten direkten Verfahren lösen. Umgekehrt gibt es Sudokus mit dreißig Vorgaben, an denen geübte Löser scheitern.
Nicht die Menge der Hinweise bestimmt den Schwierigkeitsgrad, sondern welche Denkschritte nötig sind, um von ihnen zur Lösung zu kommen.
Für Krimirätsel gilt dasselbe, nur mit Namen statt Ziffern. Ein Fall mit zwölf Hinweisen kann leichter sein als einer mit sieben. Es kommt darauf an, was in den Hinweisen steht.
Messwert 1: Die Größe des Gitters
Der einzige Wert, den man am Buchregal in fünf Sekunden ablesen kann. Ein Logikgitter besteht aus Kategorien – Personen, Uhrzeiten, Orte, Gegenstände – mit je gleich vielen Elementen. Aus diesen beiden Zahlen folgt der Rest.
Bei n Kategorien mit je m Elementen gilt:
Teilgitter = n · (n − 1) ÷ 2
Felder insgesamt = Teilgitter · m²
Mögliche Zuordnungen = (m!)n − 1
Für 4 Kategorien mit je 5 Elementen:
Teilgitter = 4 · 3 ÷ 2 = 6
Felder = 6 · 25 = 150
Zuordnungen = 120³ = 1.728.000
| Kategorien × Elemente | Teilgitter | Felder | Mögliche Zuordnungen |
|---|---|---|---|
| 3 × 4 | 3 | 48 | 576 |
| 4 × 4 | 6 | 96 | 13.824 |
| 4 × 5 | 6 | 150 | 1.728.000 |
| 5 × 5 | 10 | 250 | 207.360.000 |
| 5 × 6 | 10 | 360 | 268.738.560.000 |
Von 3 × 4 auf 5 × 6 wächst die Zahl der Felder um das Siebeneinhalbfache, der Raum der denkbaren Lösungen aber um mehr als das Vierhundertmillionenfache. Das ist der Grund, warum ein Fall mit sechs Verdächtigen sich nicht doppelt so schwer anfühlt wie einer mit dreien, sondern nach einer anderen Arbeitsweise verlangt: Ab etwa 4 × 5 kann man den Fall nicht mehr im Kopf mitführen und braucht ein gezeichnetes Gitter. Wie man das aufsetzt, steht unter Logikrätsel lösen.
Verlage nennen die Rätselzahl („100 Fälle“), fast nie die Gittergröße. Sie steht aber in jeder Leseprobe: Blättere zu einem Rätsel in der zweiten Hälfte des Buchs und zähle die Spalten der ersten Kategorie. Das dauert zehn Sekunden und ist aussagekräftiger als das gesamte Vorwort.
Messwert 2: Die Art der Hinweise
Der zweite Messwert lässt sich ebenfalls in einer Leseprobe abzählen. Hinweise fallen in vier Bauarten, und die Mischung entscheidet über den Grad:
- Direkter Treffer. „Kern war im Büro.“ Ein Eintrag, kein Umweg. Ein Fall, der mit zwei bis drei davon anfängt, ist als Einstiegsrätsel gebaut.
- Ausschluss. „Bauer war nicht in der Werkstatt.“ Trägt genauso viel Information, verlangt aber, dass du sie auch einträgst. Wer nur Treffer notiert und Ausschlüsse im Kopf behält, verschenkt die halbe Arbeit.
- Beziehung. „Wer im Lager war, kam später als Kern.“ Hier steckt ein Zwischenschritt: Aus dem Satz folgt zuerst, dass Kern selbst nicht im Lager war. Erst dieser abgeleitete Ausschluss ist eintragbar.
- Bedingung. „Wenn Lorenz im Büro war, dann kam Bauer um 17:00 Uhr.“ Die schwerste Bauart, weil sich vorerst gar nichts eintragen lässt – der Hinweis wird erst nutzbar, wenn eine andere Zelle geklärt ist. Er verlangt, dass du ihn im Blick behältst, während du woanders arbeitest.
Ein Fall aus lauter Treffern und Ausschlüssen ist leicht, auch bei großem Gitter. Ein Fall aus lauter Beziehungen und Bedingungen ist schwer, auch bei kleinem. Die Sortierung nach Hinweisarten sagt deshalb mehr als die Sortierung nach Anzahl. Welche Formulierungen in welche Bauart fallen, ist ausführlicher unter Logicals lösen aufgeschlüsselt.
Derselbe Fall, zwei Schwierigkeitsgrade
Am schnellsten sieht man den Unterschied, wenn man ein und denselben Fall zweimal aufschreibt. In einer Werkzeugfabrik verschwindet nach Feierabend Geld aus der Lohnkasse. Drei Beschäftigte waren an diesem Abend noch im Gebäude: Bauer, Kern und Lorenz. Jeder kam zu einer anderen Uhrzeit – 17:00, 17:30 oder 18:00 Uhr – und jeder hielt sich in einem anderen Raum auf: Lager, Werkstatt oder Büro.
1. Kern war im Büro.
2. Lorenz kam um 18:00 Uhr.
3. Wer um 17:00 Uhr kam, war in der Werkstatt.
Das löst sich in einer geraden Linie. Hinweis 2 setzt Lorenz auf 18:00 Uhr. Hinweis 1 setzt Kern ins Büro – und weil Hinweis 3 die Person von 17:00 Uhr in die Werkstatt schickt, kann Kern nicht um 17:00 Uhr gekommen sein. Also kam Kern um 17:30, Bauer um 17:00 und war damit in der Werkstatt, Lorenz bleibt das Lager. Drei Hinweise, kein Rückgriff, keine Verzweigung.
1. Wer im Lager war, kam später als Kern.
2. Kern kam später als der Mann in der Werkstatt.
3. Lorenz war nicht in der Werkstatt.
Gleich viele Hinweise, dieselbe Lösung, spürbar mehr Arbeit. Der erste Eintrag steht nicht in einem Hinweis, sondern muss aus zweien zugleich gezogen werden: Aus Hinweis 1 folgt, dass Kern nicht im Lager war, aus Hinweis 2, dass er nicht in der Werkstatt war. Erst beides zusammen setzt ihn ins Büro. Dann greift Hinweis 3: Lorenz war nicht in der Werkstatt und nicht im Büro, also im Lager – bleibt Bauer für die Werkstatt. Die Uhrzeiten folgen zuletzt aus der Ordnung Bauer vor Kern vor Lorenz.
Beide Fassungen haben genau eine Lösung, und in beiden ist jeder der drei Hinweise nötig: Streicht man einen beliebigen, bleiben mehrere Lösungen übrig. Der Unterschied liegt allein darin, wie weit der Weg vom Hinweis zum ersten Eintrag ist.
Messwert 3: Wie lange es bis zum ersten Eintrag dauert
Damit ist der dritte Messwert benannt, und er ist der ehrlichste. Zähle beim Überfliegen, wie viele Hinweise du lesen musst, bevor der erste sicher eintragbar ist.
| Erster Eintrag | Einstufung | Woran man es merkt |
|---|---|---|
| Aus Hinweis 1 allein | leicht | Der Fall führt dich; du folgst nur. |
| Aus zwei Hinweisen zusammen | mittel | Du musst suchen, welche zwei zusammengehören. |
| Erst nach einer vollen Runde | schwer | Du trägst erst Ausschlüsse ein und wartest, bis sie sich treffen. |
| Erst über eine Annahme | sehr schwer | Du musst einen Zweig durchspielen, bis er sich widerlegt. |
Die unterste Zeile ist ein Sonderfall, über den es unter Rätselbauern keine Einigkeit gibt. Manche halten es für zulässig, dass ein Fall an einer Stelle eine durchgespielte Annahme verlangt. Andere sehen darin einen Baufehler, weil eine Annahme dem Raten zu nahe kommt. Wer zur zweiten Gruppe gehört, sollte Bücher meiden, die das offensiv als Merkmal bewerben.
Messwert 4: Ob die Aussagen zuverlässig sind
Der vierte Messwert ist der einzige, der die Gattung wirklich teilt – und er hat mit Größe nichts zu tun. In der einen Bauart sind alle Hinweise wahr; das Rätsel ist eine reine Zuordnungsaufgabe. In der anderen sind sie es nicht: Eine Person lügt, oder mehrere lügen, und welche das ist, gehört zur Lösung.
Das ist ein Sprung, kein Schritt. Solange alle Aussagen gelten, kannst du jede einzeln eintragen und dich darauf verlassen. Sobald eine falsch sein kann, gilt keine Aussage mehr für sich allein – es zählt nur noch, welche Kombination von Aussagen widerspruchsfrei zusammenpasst. Ein Fall mit drei Verdächtigen und einem Lügner kann schwerer sein als einer mit sechs Verdächtigen ohne. Wie man solche Aussagen einzeln durchprüft, steht unter Alibi prüfen; die Reihe, die diese Bauart in ihrem Regelwerk führt, wird unter Murdle lösen beschrieben.
1. Gittergröße: Wie viele Kategorien, wie viele Elemente?
2. Hinweisarten: Wie viele direkte Treffer stehen am Anfang?
3. Erster Eintrag: Reicht ein Hinweis, oder braucht es zwei?
4. Zuverlässigkeit: Sind alle Aussagen wahr – oder lügt jemand?
Warum Verlagsangaben trotzdem nützlich sind
Nach alldem klingt es, als solle man die Sterne ignorieren. Das wäre zu weit gegangen. Sie sagen nur nichts über den Vergleich zwischen Büchern – innerhalb eines Bandes sind sie meist zuverlässig, weil dieselbe Person sie vergeben hat und die Rätsel aneinander misst.
Praktisch heißt das: Trau der Reihenfolge innerhalb eines Buchs und miss dich an ihr. Trau nicht der Behauptung, dass „schwer“ in einem Band dasselbe bedeutet wie „schwer“ in einem anderen. Und wenn du einen ersten Band suchst, ist die Frage nicht, wie viele Sterne die schwersten Fälle haben, sondern ob die leichten am Anfang leicht genug sind, um die Technik daran zu lernen – dazu steht mehr unter Welches Krimi-Rätselbuch für den Anfang?.
Die eigene Skala
Am Ende zählt eine Größe, die in keinem Buch steht: die Schwelle, ab der du aufhörst zu genießen. Sie liegt bei jedem woanders, und sie hat wenig mit Können zu tun. Manche mögen Fälle, an denen sie zwei Abende sitzen. Andere wollen in vierzig Minuten fertig sein und dabei nie steckenbleiben. Beides ist eine legitime Erwartung an ein Rätselbuch, und keine der beiden wird von der Sterneangabe bedient.
Der brauchbarste Selbsttest dauert eine Woche: Löse fünf Fälle unterschiedlicher Größe und notiere jedes Mal zwei Zahlen – die Minuten und, wie oft du länger als fünf Minuten nicht weiterkamst. Nach fünf Fällen weißt du, welche Gittergröße dir liegt. Diese Zahl trägst du dann ins nächste Buchgeschäft, und sie ist deutlich mehr wert als drei Sterne auf einem Umschlag. Welche Gattung überhaupt zu welchem Kopf passt, steht in der Übersicht Rätselbücher für Erwachsene.
Die eigene Schwelle zu kennen, hat noch einen zweiten Nutzen: Wer zum Abschalten rätselt, fährt mit einem Rätsel knapp unterhalb dieser Grenze am besten, nicht mit dem leichtesten. Warum das so ist, steht unter Rätseln gegen Stress.
Häufige Fragen
Sind Krimirätsel mit mehr Verdächtigen automatisch schwerer?
Fast immer ja, aber nicht linear – der Aufwand wächst schneller als die Personenzahl. Bei drei Kategorien mit je vier Elementen hat das Gitter 48 Felder, bei vier Kategorien mit je fünf Elementen bereits 150. Der Raum der denkbaren Zuordnungen wächst noch steiler, von 576 auf 1.728.000. Ein größeres Gitter kann trotzdem leichter sein, wenn die Hinweise direkter formuliert sind.
Warum sind Schwierigkeitsangaben verschiedener Verlage nicht vergleichbar?
Weil es keine gemeinsame Skala gibt und keine Stelle, die eine festlegen würde. Jeder Verlag stuft nach eigenem Empfinden ein, oft anhand der eigenen Reihe. Drei Sterne im einen Buch können dem entsprechen, was ein anderes Buch als einen Stern führt. Verlässlich ist nur der Vergleich innerhalb desselben Bandes.
Was macht einen Hinweis schwer?
Wie viele Zwischenschritte zwischen dem Hinweis und dem ersten Eintrag im Gitter liegen. „Kern war im Büro“ ist ein Eintrag ohne Umweg. „Wer im Lager war, kam später als Kern“ verlangt zuerst die Einsicht, dass Kern damit selbst nicht im Lager gewesen sein kann. Dieser eine Zwischenschritt ist der ganze Unterschied zwischen leicht und mittelschwer.
Bestimmt die Anzahl der Hinweise den Schwierigkeitsgrad?
Nein, und beim verwandten Sudoku ist das sogar gut untersucht. Dort bestimmt die Zahl der Vorgaben den Grad nicht: Es gibt leichte Rätsel mit sehr wenigen Vorgaben und sehr schwere mit deutlich mehr. Entscheidend ist, welche Lösungstechniken nötig sind, um von den Vorgaben zur Lösung zu kommen – nicht, wie viele es sind.
Woran merke ich, dass ein Fall zu schwer für mich ist?
Nicht daran, dass du lange brauchst, sondern daran, dass du nach einer vollständigen Runde durch alle Hinweise keinen einzigen neuen Eintrag machen konntest. Lange Denkpausen sind normal und gehören zur Gattung. Eine ganze Runde ohne Ertrag heißt dagegen: Dir fehlt eine Technik, oder du hast dich vertan. Beides ist ein Grund zum Nachschlagen, keiner zum Aufhören.
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