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Zeitschiene erstellen: Ereignisse ordnen, Unschärfen mitführen

Die meisten Zeitschienen in Rätselkrimis gehen nicht an falschen Uhrzeiten kaputt, sondern an zu genauen. Wer jede Angabe als Punkt einträgt, erfindet Sicherheit, die es nicht gibt.

Anselm Winter 10 Min. Lesezeit 3. Oktober 2026

Eine aufgeklappte goldene Taschenuhr mit weißem Zifferblatt und römischen Ziffern vor schwarzem Hintergrund
Foto: John · Pexels

Die Zeitschiene ist das Werkzeug, mit dem man in einem Fall am meisten ausschließt. Wer zur fraglichen Zeit nachweislich woanders war, scheidet aus, ganz gleich, wie verdächtig er sich sonst benimmt. Deshalb lohnt es sich, sie sauber zu bauen – und sauber heißt vor allem: mit der Unschärfe, die in den Angaben steckt, statt gegen sie.

Jede Zeitangabe ist ein Zeitraum

Der wichtigste Grundsatz zuerst. Menschen nennen Uhrzeiten als Punkte, meinen aber Zeiträume. „Gegen halb zehn“ heißt nicht 21:30, sondern irgendwann zwischen 21:20 und 21:40. „Kurz nach dem Essen“ heißt fünf bis zwanzig Minuten danach. Selbst „Punkt neun“ kann bei jemandem ohne Uhr am Handgelenk fünf Minuten daneben liegen.

Trag deshalb jede Angabe als von–bis ein, nie als einzelnen Strich. Das fühlt sich zunächst ungenauer an. In Wahrheit ist es genauer, weil es abbildet, was die Angabe tatsächlich hergibt.

Faustregeln für Schätzungen

„Um sechs rum“: zehn Minuten in beide Richtungen.
„Gegen Viertel nach“: fünf bis zehn Minuten in beide Richtungen.
„Kurz nach X“: von X bis etwa zwanzig Minuten danach.
„Nach den Nachrichten“: Beginn der Nachrichtensendung plus deren Länge.

Diese Regeln sind keine Wissenschaft, sondern ein vernünftiger Ausgangspunkt. Wichtig ist, dass du für alle Personen dieselbe Breite ansetzt. Wer dem Verdächtigen zehn Minuten Spielraum gibt und dem Zeugen keinen, hat das Ergebnis schon festgelegt.

Wie wenig Punktgenauigkeit selbst die Wissenschaft liefert, zeigt die Rechtsmedizin. Das verbreitete Verfahren nach Henßge schätzt die Todeszeit aus der Abkühlung des Körpers. Unter Standardbedingungen liefert es einen Zeitraum von etwa plus minus 2,8 Stunden mit 95 Prozent Wahrscheinlichkeit, unter ungünstigen Bedingungen bis zu plus minus sieben Stunden. Ein Krimi, in dem die Gerichtsmedizinerin „zwischen 22:10 und 22:25“ sagt, erzählt Fiktion.

Drei Sorten von Zeitangaben

Nicht jede Angabe ist gleich viel wert. Bevor du etwas einträgst, sortiere sie nach Herkunft:

ArtBeispieleStärkeTypischer Fehler
GerätezeitKassenbon, Alarmanlage, Stempeluhr, Türschloss mit Protokollsehr hochGeräteuhr geht vor oder nach
EreigniszeitBeginn einer Radiosendung, Abfahrt eines Busses nach Fahrplan, KirchenglockehochDas Ereignis wurde verwechselt oder fiel aus
Relative Angabe„nachdem der Lieferwagen kam“, „ihr Auto stand noch da“hoch für die Reihenfolge, null für die UhrzeitWird mit einer Uhrzeit verwechselt
Schätzung„so gegen sechs“, „eine Viertelstunde vielleicht“niedrigWird als Punkt eingetragen

Die Gerätezeiten werden zuerst eingetragen, weil sie das Gerüst bilden. Danach die Ereigniszeiten, dann die relativen Angaben, ganz zuletzt die Schätzungen. In dieser Reihenfolge rücken die unsicheren Angaben an die sicheren heran, statt umgekehrt.

Das Gerüst: eine Spalte pro Person

Auf Papier funktioniert eine einfache Tabelle am besten. Oben quer eine Spalte pro Person, dazu eine Spalte für Ereignisse ohne Person (Alarm, Anruf, Lieferung). Links senkrecht die Zeit in Fünf-Minuten-Schritten. Jede Angabe wird ein senkrechter Balken in der Spalte der Person, von frühestem bis spätestem möglichen Zeitpunkt.

Diese Form zeigt auf einen Blick drei Dinge, die in einer Liste untergehen:

Die dritte Kategorie ist das Ziel der ganzen Übung. Wie man sie mit Wegezeiten weiter zuspitzt, steht unter Mordfall lösen im Schritt „den Weg nachrechnen“.

Ein durchgerechnetes Beispiel

Die Kasse der Fahrradwerkstatt

Aus der Ladenkasse einer Fahrradwerkstatt fehlt am Morgen das Wechselgeld. Bekannt ist:

1. Der Tagesabschluss der Kasse ist auf 17:42 gedruckt; die Kasse stellt ihre Uhr selbst über das Netz. Beim Abschluss war das Geld vollständig.
2. Die Alarmanlage meldet das Scharfschalten um 18:19. Ihre Uhr geht, wie ein Abgleich am nächsten Morgen zeigt, sieben Minuten vor. Danach wurde die Anlage nicht mehr geöffnet.
3. Der Geselle sagt, er sei „zehn Minuten, vielleicht eine Viertelstunde nach dem Abschluss“ gegangen.
4. Der Auszubildende sagt, er sei „um sechs rum“ gegangen.
5. Ein Nachbar hörte die Hintertür, „als im Radio gerade die Sechs-Uhr-Nachrichten anfingen“.

Schritt 1: das Fenster aus den Geräten

Die Anzeige der Alarmanlage wird korrigiert: 18:19 minus sieben Minuten ergibt 18:12. Das Fenster, in dem das Geld verschwunden sein muss, reicht also von 17:42 bis 18:12 – genau dreißig Minuten. Ohne die Korrektur wären es 37 Minuten gewesen, und jemand, der um 18:15 noch im Laden war, hätte verdächtig gewirkt, obwohl die Anlage zu dieser Zeit längst scharf war.

Schritt 2: die Ereigniszeit

Die Nachrichten beginnen um 18:00. Der Satz des Nachbarn erlaubt einen Zeitraum von etwa 18:00 bis 18:03. Damit steht fest: Um diese Zeit ging jemand durch die Hintertür.

Schritt 3: die Schätzungen als Zeiträume

Der Geselle nennt zehn bis fünfzehn Minuten nach 17:42, also 17:52 bis 17:57. Weil es eine Schätzung ist, kommen fünf Minuten auf beiden Seiten dazu: 17:47 bis 18:02. Der Auszubildende sagt „um sechs rum“, nach der Faustregel 17:50 bis 18:10.

Die beiden Zeiträume überschneiden sich von 17:50 bis 18:02. Aus den Uhrzeiten allein lässt sich nicht sagen, wer zuerst ging. Und beide Zeiträume berühren das Ereignis an der Hintertür. Wer jetzt „der Geselle ging um 17:55, der Azubi um 18:00, also war der Azubi an der Hintertür“ schreibt, hat zwei Punkte erfunden.

Schritt 4: eine relative Angabe

In der zweiten Befragung sagt der Auszubildende beiläufig: „Als ich raus bin, stand sein Rad noch am Ständer.“ Das ist keine Uhrzeit, aber eine Reihenfolge – der Azubi ging vor dem Gesellen. Da der Geselle spätestens um 18:02 weg war, muss der Azubi ebenfalls spätestens um 18:02 gegangen sein. Sein Zeitraum schrumpft von zwanzig Minuten auf zwölf: 17:50 bis 18:02.

Mehr gibt das Material nicht her, und das ist das ehrliche Ergebnis. Beide könnten die Hintertür benutzt haben, und die Inhaberin, die als Letzte ging und die Anlage scharf schaltete, war ohnehin bis 18:12 im Laden. Die Zeitschiene schließt hier niemanden aus, aber sie zeigt genau, welche Frage als Nächstes gestellt werden muss: Wer benutzt normalerweise welche Tür?

Eine Zeitschiene, die keinen Verdacht liefert, ist nicht gescheitert. Sie hat gezeigt, dass die Uhr diesen Fall nicht entscheidet.

Fünf Fehler, die Zeitschienen verderben

Punkte statt Zeiträume. Der häufigste Fehler, ausführlich oben. Er führt fast immer dazu, dass jemand ausgeschlossen wird, der sich bei ehrlicher Rechnung mit dem Tatzeitraum überschneidet.

Geräteuhren ungeprüft übernehmen. Eine Geräteuhr ist präzise, aber nicht unbedingt richtig. Gut gebaute Fälle legen manchmal eine einzige Abweichung irgendwo im Material ab, etwa eine Bemerkung, dass die Werkstattuhr „schon immer vorging“. Wer sie überliest, rechnet mit falschen Ankern.

Die Zeitumstellung. Ein Fall in der letzten Oktobernacht oder in der letzten Märznacht hat eine Stunde, die doppelt oder gar nicht existiert. Geräte ohne automatische Umstellung liegen danach eine Stunde daneben.

Wegezeiten vergessen. Wer um 18:00 im Büro gesehen wurde und um 18:02 in der Halle, muss den Weg in zwei Minuten geschafft haben. Trag Wege als eigene Balken ein.

Ungleiche Maßstäbe. Dem einen gibt man Spielraum, dem anderen nicht – meist unbewusst, je nachdem, wen man schon im Verdacht hat. Lege die Breite deiner Zeiträume fest, bevor du die Namen einträgst.

Woher die Angaben kommen

Die Schätzungen in der Zeitschiene stammen fast immer aus Befragungen, und dort lohnt der genaue Blick: Hat die Person die Uhrzeit selbst genannt oder hat der Fragende sie ihr angeboten? Wie man Protokolle daraufhin liest, zeigt Verhörprotokoll lesen. Warum Menschen sich bei Zeitangaben so leicht irren, erklärt Zeugenaussagen und ihre Widersprüche.

Die Zeitschiene ist im Verfahren unter Kriminalfälle lösen der zweite von fünf Schritten. Sie liefert keine Lösung, aber den Rahmen, in dem die Alibis geprüft werden – wie das geht, steht unter Alibi prüfen. Und das Denken in Zeiträumen, die sich gegenseitig beschneiden, ist im Kern dasselbe wie das Eintragen von Ausschlüssen in einem Gitter: Logikrätsel lösen.

Häufige Fragen

Wie erstelle ich eine Zeitschiene für einen Kriminalfall?

Lege eine Spalte pro Person an und eine Zeile pro fünf Minuten. Trag zuerst die Ereignisse ein, deren Uhrzeit von einem Gerät stammt, danach die relativen Angaben und zuletzt die Schätzungen der Beteiligten. Jede Angabe kommt als Zeitraum hinein, nicht als Punkt. Am Ende zeigt die Schiene, wo sich Zeiträume überschneiden und wo jemand ein Loch hat.

Warum soll man Uhrzeiten als Zeitraum eintragen?

Weil fast keine Zeitangabe ein Punkt ist. Gegen halb zehn heißt in Wirklichkeit irgendwann zwischen zwanzig nach und zwanzig vor. Wer stattdessen 21:30 einträgt, schafft eine Genauigkeit, die es nicht gibt, und schließt dann Personen aus oder ein, die sich bei ehrlicher Rechnung überschneiden würden.

Wie genau lässt sich der Todeszeitpunkt bestimmen?

Weniger genau, als Krimis glauben machen. Das in der Rechtsmedizin verbreitete Verfahren nach Henßge, das von der Körpertemperatur ausgeht, liefert unter Standardbedingungen ein Fenster von etwa plus minus 2,8 Stunden mit 95 Prozent Wahrscheinlichkeit. Unter ungünstigen Bedingungen wird es auf bis zu plus minus sieben Stunden breiter. Auch die Wissenschaft liefert also einen Zeitraum, keinen Zeitpunkt.

Sind Uhrzeiten von Geräten immer zuverlässig?

Sie sind die besten Anker, die eine Zeitschiene hat, aber nicht blind zu übernehmen. Die Uhr einer Alarmanlage, einer Stempeluhr oder einer alten Kasse kann vor- oder nachgehen, und nach einer Zeitumstellung stimmt sie manchmal um eine ganze Stunde nicht. Prüfe deshalb, ob sich die Abweichung bestimmen lässt, und rechne alle Angaben dieses Geräts um.

Was mache ich, wenn zwei Zeiträume sich überschneiden?

Dann kannst du allein aus den Uhrzeiten nicht sagen, was zuerst kam. Suche nach einer relativen Angabe, etwa wer wen noch gesehen hat oder wessen Wagen schon weg war. Solche Reihenfolgen schneiden die Zeiträume oft enger zu als jede weitere Uhrzeit. Findest du keine, bleibt die Überschneidung offen, und das ist ein ehrliches Ergebnis.

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