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Zeugenaussagen und ihre Widersprüche: warum Erinnerung trügt

Drei ehrliche Zeugen, drei verschiedene Geschichten. Das ist kein Zeichen dafür, dass einer lügt. Es ist das, was man bei ehrlichen Zeugen erwarten muss.

Anselm Winter 10 Min. Lesezeit 3. Oktober 2026

Regentropfen auf einer Fensterscheibe, dahinter verschwommen eine Person vor einer grünen Wiese
Foto: Efrem Efre · Pexels

In Krimis gibt es zwei Sorten von Zeugen: die, die die Wahrheit sagen, und die, die lügen. Die Wirklichkeit kennt eine dritte Sorte, und sie ist die größte: Zeugen, die die Wahrheit sagen wollen und sich trotzdem irren. Sie sind nicht nervös, sie verbergen nichts, und sie sind sich ihrer Sache sicher. Wer Widersprüche zwischen Aussagen verstehen will, muss mit dieser dritten Sorte rechnen.

Erinnerung ist kein Mitschnitt

Die Vorstellung, das Gedächtnis speichere Ereignisse wie eine Kamera und spiele sie bei Bedarf wieder ab, ist anschaulich und falsch. Der britische Psychologe Frederic Bartlett ließ für sein 1932 erschienenes Buch „Remembering“ Versuchspersonen eine fremde Volkserzählung lesen und sie später wiedergeben, teils nach Minuten, teils nach Monaten. Die Geschichten wurden kürzer, verloren ihre ungewohnten Einzelheiten und passten sich dem an, was die Leser aus ihrer eigenen Welt kannten. Bartlett schloss daraus, dass Erinnern ein Wiederaufbauen ist, kein Abspielen.

Für Zeugenaussagen heißt das: Jede Schilderung ist eine Rekonstruktion aus Bruchstücken, ergänzt um das, was zu den Bruchstücken passt. Diese Ergänzungen fühlen sich für den Zeugen genauso echt an wie das tatsächlich Gesehene.

Ein einziges Wort

Wie leicht sich diese Rekonstruktion lenken lässt, zeigte 1974 ein Experiment der amerikanischen Psychologin Elizabeth Loftus und ihres Kollegen John Palmer. Studierende sahen kurze Filme von Verkehrsunfällen und sollten anschließend schätzen, wie schnell die Autos gefahren waren. Geändert wurde nur ein Verb in der Frage.

Frage: Wie schnell waren die Autos, als sie …mittlere Schätzung
… sich berührten (contacted)rund 32 Meilen pro Stunde
… zusammenstießen (hit)rund 34 Meilen pro Stunde
… ineinander krachten (smashed)rund 41 Meilen pro Stunde

Ein zweiter Versuch ging weiter. Eine Woche nach dem Film wurden die Teilnehmer gefragt, ob sie zerbrochenes Glas gesehen hätten. Im Film gab es keines. Aus der Gruppe, die nach dem „Krachen“ gefragt worden war, sagten 16 von 50 Ja, aus der „Zusammenstoß“-Gruppe 7 von 50, aus einer Gruppe ohne Geschwindigkeitsfrage 6 von 50. Die Frage hatte nicht nur die Schätzung verschoben, sondern offenbar die Erinnerung selbst.

Wer fragt, erinnert mit.

Für das Lesen von Befragungen ist das die wichtigste Konsequenz: Eine Angabe, die zuerst in der Frage stand, stammt nicht sicher vom Zeugen. Wie man Protokolle daraufhin durchgeht, zeigt Verhörprotokoll lesen.

Was das in der Wirklichkeit kostet

Das amerikanische Innocence Project setzt sich für die Überprüfung von Urteilen mit DNA-Analysen ein. Nach seiner Auswertung spielte bei rund 69 Prozent der 375 Fehlurteile, die in den USA zwischen 1989 und 2020 durch DNA-Beweise aufgehoben wurden, eine falsche Identifizierung durch Augenzeugen eine Rolle. Damit ist sie in dieser Gruppe die häufigste Ursache, vor fehlerhafter Forensik und falschen Geständnissen.

Die Zahl ist mit Vorsicht zu lesen. Sie stammt aus einer Auswahl von Fällen, in denen sich DNA-Spuren nachträglich untersuchen ließen, und sagt nichts darüber, wie oft Zeugen allgemein irren. Sie zeigt aber, dass sichere, ehrliche und falsche Aussagen kein theoretisches Problem sind.

Kern und Rand

Wenn sich Zeugen widersprechen, ist die erste Frage nicht, wer lügt, sondern wo der Widerspruch liegt. Man unterscheidet grob zwei Bereiche einer Aussage:

Unabhängige, ehrliche Zeugen stimmen im Kern meistens überein und weichen am Rand ab. Das ist das Muster echter Erinnerung, und es ist ein gutes Zeichen. Zwei andere Muster verdienen Aufmerksamkeit:

Widerspruch im Kern. Einer sah zwei Personen, der andere eine. Einer sah sie hineingehen, der andere herauskommen. Hier lohnt es, die Wahrnehmungsbedingungen zu prüfen, bevor man jemandem Absicht unterstellt.

Übereinstimmung am Rand. Zwei Zeugen schildern denselben Abend und nennen dieselbe Uhrzeit auf die Minute, dieselbe Jackenfarbe, denselben Satz im selben Wortlaut. Das passt nicht zu unabhängiger Erinnerung. Entweder haben die beiden miteinander gesprochen – dann überlagern sich ihre Erinnerungen –, oder sie haben sich abgesprochen. Wie man ein solches Doppel prüft, steht unter Alibi prüfen beim wechselseitigen Alibi.

Woher die Abweichung kommt

Bevor du einen Widerspruch deutest, geh die möglichen Ursachen durch. Fast immer erklärt eine davon ihn ohne jede Lüge.

UrsacheWorauf du achtest
WahrnehmungsbedingungenLicht, Entfernung, Dauer, Blickwinkel, Ablenkung, Brille
ZeitabstandWie lange nach dem Ereignis wurde gefragt?
SuggestionStand die Angabe zuerst in der Frage?
AnsteckungHaben die Zeugen vor der Befragung miteinander gesprochen?
ErwartungPasst die Angabe auffällig gut zu dem, was der Zeuge erwartet hätte?
InteresseGewinnt oder verliert der Zeuge etwas, je nachdem, wie die Angabe ausfällt?

Erst wenn keine dieser Ursachen greift, wird der Widerspruch zu einem Hinweis darauf, dass jemand bewusst etwas Falsches sagt.

Ein Beispiel: die Fahrerflucht auf dem Firmenparkplatz

Der erfundene Fall

Abends gegen halb acht wird auf dem Parkplatz eines Logistikzentrums ein abgestellter Transporter angefahren; der Verursacher fährt weiter. Drei Beschäftigte haben etwas gesehen.

Zeugin A stand am Raucherunterstand, etwa 30 Meter entfernt: „Ein dunkelblauer Kombi mit Dachbox, ist rückwärts aus der Lücke und dagegen.“
Zeuge B kam gerade aus der Halle: „Schwarzer Kombi, Dachbox drauf. Der ist rückwärts rausgesetzt.“
Zeuge C, der Pförtner, wurde von seinem Vorgesetzten gefragt: „Wie schnell ist der denn davongerast?“ Seine Antwort: „Viel zu schnell, mindestens fünfzig.“

Sortiert nach Kern und Rand: Im Kern – Kombi, Dachbox, rückwärts aus der Lücke – stimmen A und B überein, ohne sich abgesprochen zu haben. Das ist der belastbare Teil. Die Farbe ist Rand. Unter künstlichem Abendlicht sind dunkle Farben schwer zu unterscheiden, und dunkelblau gegen schwarz ist genau die Verwechslung, die man erwarten würde. Ein Widerspruch, aber kein verdächtiger.

Die Angabe des Pförtners ist ein anderer Fall. „Davongerast“ stand in der Frage, nicht in seiner Beobachtung – es ist die Situation aus dem Experiment von Loftus und Palmer. Die fünfzig Stundenkilometer sollte man deshalb nicht verwenden, um etwa auszuschließen, dass der Wagen auf dem engen Parkplatz langsam fuhr. Wer bei der Ermittlung genau sein will, fragt den Pförtner noch einmal, offen: „Beschreiben Sie, was Sie gesehen haben.“

Wie gute Befragungen Erinnerung schützen

Aus dieser Forschung sind Befragungstechniken entstanden, die möglichst viel richtige Erinnerung gewinnen und möglichst wenig falsche erzeugen sollen. Die bekannteste ist das kognitive Interview, das Edward Geiselman, Ronald Fisher und Kollegen Mitte der achtziger Jahre vorstellten. Es beruht auf vier Anweisungen an den Zeugen:

  1. Alles berichten, auch was unwichtig erscheint.
  2. Sich die Umstände von damals vergegenwärtigen: Ort, Licht, Geräusche, die eigene Stimmung.
  3. Das Geschehen in anderer Reihenfolge schildern, etwa rückwärts.
  4. Das Geschehen aus einem anderen Blickwinkel schildern.

Spätere Untersuchungen zeigen, dass vor allem die ersten beiden Anweisungen helfen. Der Perspektivwechsel bringt wenig und wird in der Polizeipraxis teils bewusst weggelassen, weil er Zeugen zum Spekulieren verleiten kann.

Vier Fragen an jeden Widerspruch

1. Liegt er im Kern oder am Rand?
2. Konnten beide Zeugen das überhaupt gleich gut sehen?
3. Stand die strittige Angabe zuerst in einer Frage?
4. Haben die Zeugen vorher miteinander gesprochen?

Was das für Rätsel heißt

Gut gebaute Rätselkrimis spielen mit genau diesen Mustern. Sie geben ehrlichen Zeugen kleine Widersprüche am Rand, damit sie echt klingen, und verstecken die eigentliche Unwahrheit dort, wo sie sich gegen eine feste Tatsache prüfen lässt – eine Uhrzeit, einen Weg, einen Gegenstand. Wer jeden Randwiderspruch als Lüge liest, verdächtigt am Ende die Ehrlichen. Wie man stattdessen gegen feste Punkte prüft, zeigen Zeitschiene erstellen und, für das ganze Verfahren, Kriminalfälle lösen.

In Gesellschaftsspielen mit verdeckten Rollen ist es übrigens genau umgekehrt: Dort lügen manche Mitspieler mit Absicht, und es gibt keine Uhr, gegen die man prüfen könnte. Warum das trotzdem funktioniert und was es vom Rätsel unterscheidet, steht unter Deduktionsspiele und Werwolf.

Häufige Fragen

Warum widersprechen sich Zeugenaussagen?

Weil Erinnerung kein Mitschnitt ist, sondern bei jedem Abruf neu zusammengesetzt wird. Zeugen haben dasselbe Ereignis aus verschiedenen Blickwinkeln, mit unterschiedlicher Aufmerksamkeit und unter verschiedenen Bedingungen gesehen. Dazu kommen Gespräche und Fragen nach dem Ereignis, die Einzelheiten verändern können. Widersprüche in Nebensachen sind deshalb der Normalfall, nicht die Ausnahme.

Was zeigte das Experiment von Loftus und Palmer?

Elizabeth Loftus und John Palmer zeigten 1974 Filme von Verkehrsunfällen und fragten anschließend nach der Geschwindigkeit. Wurde gefragt, wie schnell die Autos ineinander krachten, lagen die Schätzungen deutlich höher, als wenn nach der bloßen Berührung gefragt wurde. In einem zweiten Versuch erinnerten sich Teilnehmer der Krach-Gruppe eine Woche später häufiger an Glasscherben, die es im Film nicht gab.

Ist eine Aussage weniger wert, wenn sie Widersprüche enthält?

Nicht automatisch. Entscheidend ist, wo der Widerspruch liegt. Weichen Zeugen bei Farbe, Uhrzeit oder Kleidung ab, stimmen aber im Kern des Geschehens überein, ist das eher ein Zeichen unabhängiger Erinnerung. Bedenklich wird es, wenn der Kern selbst strittig ist oder wenn sich die Aussagen auffällig in Nebensachen gleichen.

Wie oft irren sich Augenzeugen?

Genaue Fehlerquoten für alle Aussagen gibt es nicht. Einen Anhaltspunkt liefert das amerikanische Innocence Project: Bei rund 69 Prozent der 375 Fehlurteile, die in den USA zwischen 1989 und 2020 durch DNA-Analysen aufgehoben wurden, spielte eine falsche Identifizierung durch Augenzeugen eine Rolle. Das sagt nicht, wie oft Zeugen irren, aber dass ihr Irrtum zu den häufigsten Ursachen schwerer Fehlurteile gehört.

Was ist ein kognitives Interview?

Eine Befragungstechnik, die in den achtziger Jahren von Ronald Fisher, Edward Geiselman und Kollegen entwickelt wurde, um mehr richtige Erinnerungen zu gewinnen. Zeugen sollen alles berichten, auch scheinbar Unwichtiges, sich die Umstände von damals vergegenwärtigen und das Geschehen in anderer Reihenfolge oder aus anderem Blickwinkel schildern. Untersuchungen zeigen, dass vor allem die ersten beiden Elemente helfen.

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