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Bestätigungsfehler: der Tunnelblick, der Ermittlungen am meisten kostet

Der teuerste Fehler beim Ermitteln ist kein falscher Schluss. Es ist ein richtiger Schluss aus einer Auswahl, die man sich selbst zusammengestellt hat.

Anselm Winter 10 Min. Lesezeit 8. Oktober 2026

Ein gewölbter Tunnel aus Bruchstein mit Kopfsteinpflaster und Deckenlampen, ganz hinten ein heller Ausgang mit zwei kleinen Gestalten
Foto: Hobi Photography · Pexels

Sobald du weißt, wer es war, wird jeder neue Hinweis leichter. Er fügt sich ein. Was nicht passt, war vermutlich ein Versehen, eine Nebensache, ein Zufall. Dieses Gefühl, dass sich ein Fall schließt, ist angenehm und trügerisch zugleich, denn es entsteht genauso zuverlässig, wenn du falschliegst. Der Bestätigungsfehler beschreibt, wie das zustande kommt, und er ist der Grund, warum gute Ermittler ihren eigenen Verdacht wie den eines Fremden behandeln.

Drei Zahlen

Das bekannteste Experiment dazu ist ein Zahlenspiel. Der britische Psychologe Peter Wason gab 1960 neunundzwanzig Studierenden die Folge 2-4-6 und sagte ihnen, sie passe zu einer Regel, die er sich ausgedacht habe. Sie sollten die Regel herausfinden, indem sie eigene Dreierfolgen nannten. Zu jeder sagte der Versuchsleiter nur Ja oder Nein: passt zur Regel oder passt nicht.

Fast alle bildeten sofort eine Vermutung, etwa „gerade Zahlen, jeweils um zwei größer“. Und dann testeten sie diese Vermutung so:

Vorgeschlagene FolgePasst zur Vermutung „+2, gerade“?Antwort
8-10-12jaJa
20-22-24jaJa
100-102-104jaJa

Drei Treffer, die Vermutung scheint gesichert. Die tatsächliche Regel war aber viel weiter: drei Zahlen in aufsteigender Reihenfolge. Jede der drei Proben passte zu beiden Regeln, zur vermuteten und zur wahren. Deshalb konnte keine von ihnen den Unterschied zeigen. Sie haben nichts geprüft, sie haben nur bestätigt.

Aufschlussreich sind die Folgen, die der eigenen Vermutung widersprechen:

Vorgeschlagene FolgePasst zur Vermutung?AntwortWas du lernst
1-2-3neinJaDie Vermutung ist zu eng.
2-4-7neinJaEs muss nicht gerade sein.
6-4-2neinNeinDie Reihenfolge spielt eine Rolle.

Eine einzige Probe wie 1-2-3 hätte genügt, um die Vermutung zu stürzen. Wason nannte das Problem in seinem Aufsatz das Versäumnis, Hypothesen auszuschließen. In späteren Versuchen mit der Standardfassung der Aufgabe fand nur etwa jeder Fünfte die Regel auf Anhieb.

Seine Auswertung ist übrigens nicht unumstritten. Andere Forscher haben eingewandt, dass Menschen nicht grundsätzlich Bestätigung suchen, sondern Proben wählen, die unter ihrer Vermutung sinnvoll erscheinen, und dass das in vielen Alltagslagen gut funktioniert. Das ändert nichts an der Lehre für Ermittler: Wenn die Wahrheit breiter ist als dein Verdacht, findest du das mit Proben, die nur Ja sagen können, nie heraus.

Ein Test, der nur mit Ja antworten kann, ist kein Test.

Der Fingerabdruck von Madrid

Wie das außerhalb eines Labors aussieht, zeigt ein Fall, den das US-Justizministerium selbst aufgearbeitet hat. Nach den Bombenanschlägen auf Madrider Pendlerzüge im März 2004 fand man auf einer Plastiktüte mit Zündern einen Fingerabdruck. Die spanischen Behörden baten auch das FBI um einen Abgleich. Die Datenbank schlug mehrere mögliche Treffer vor, darunter den Abdruck von Brandon Mayfield, einem Anwalt aus Oregon.

Ein Prüfer verglich die Abdrücke und kam zu dem Schluss, sie stammten von Mayfield. Zwei weitere Prüfer bestätigten das. Im April teilte die spanische Polizei mit, ihr eigener Vergleich sei negativ ausgefallen. Am 6. Mai 2004 wurde Mayfield trotzdem festgenommen. Rund zwei Wochen später meldeten die Spanier, sie hätten den Abdruck einem algerischen Staatsangehörigen zugeordnet, und Mayfield kam frei. Die US-Regierung zahlte ihm später zwei Millionen Dollar.

Der Bericht des Generalinspekteurs des Justizministeriums von 2006 nannte mehrere Ursachen. Eine davon ist der Kern des Bestätigungsfehlers: Der erste Prüfer hatte Merkmale, die er im Abdruck Mayfields sah, nachträglich in den unklaren Tatortabdruck hineingelesen. Der Bericht spricht von zirkulärem Denken. Dazu kam eine ungewöhnlich große Ähnlichkeit einzelner Merkmale bei beiden Männern, die Bestätigung durch Kollegen, die das erste Ergebnis kannten, und das Selbstvertrauen eines Labors, das den Einwand aus Spanien nicht ernst genug nahm.

Bemerkenswert ist, wie wenig davon nach Nachlässigkeit aussieht. Es waren Fachleute, sie haben sorgfältig verglichen, und jede einzelne Bestätigung schien die Sache sicherer zu machen. Genau das ist das Muster: Die Gewissheit wächst, obwohl keine neue unabhängige Information dazukommt.

Woher der Tunnelblick kommt

Die amerikanischen Juristen Keith Findley und Michael Scott haben 2006 in einer viel zitierten Arbeit in der Wisconsin Law Review untersucht, wie Tunnelblick in Strafverfahren entsteht. Sie nennen drei Quellen: gewöhnliche Denkverzerrungen wie den Bestätigungsfehler und den Rückschaufehler, den Druck eines Verfahrens, das auf schnelle Ergebnisse und auf einen Verdächtigen zuläuft, und Regeln und Abläufe, die eine frühe Festlegung sogar belohnen.

Für das Ermitteln am Schreibtisch sind vor allem drei Mechanismen wichtig:

Wer einen Fall aus mehreren Befragungen zusammensetzt, kennt das: Nach dem ersten Protokoll steht ein Verdacht, und ab da liest man die anderen anders. Wie man das beim Lesen verhindert, zeigt Verhörprotokoll lesen.

Ein Beispiel: die Portokasse im Ingenieurbüro

Der erfundene Fall

In einem Ingenieurbüro fehlen am Abend 180 Euro aus der Portokasse, die morgens noch vollständig gezählt worden war. Die Kasse steht im Sekretariat, das den ganzen Tag offen ist. Schnell richtet sich der Verdacht gegen den Praktikanten, und es kommen drei Hinweise zusammen:

1. Er war mittags eine halbe Stunde allein im Sekretariat.
2. Er hat seit dieser Woche ein neues, teures Mobiltelefon.
3. Bei der Befragung wirkte er nervös und verhaspelte sich.

Drei Hinweise, alle in dieselbe Richtung – das fühlt sich nach einem Fall an. Jetzt die Gegenprobe. Schreib eine Gegenhypothese auf, hier einfach „jemand anderes hat das Geld genommen“, und frag bei jedem Hinweis, wie gut er zu beiden passt.

HinweisWenn er es warWenn jemand anders es warUnterscheidet?
Allein im Sekretariaterwartbarebenfalls erwartbar – der Raum war den ganzen Tag offenkaum
Neues Telefonmöglich, aber 180 Euro bezahlen kein teures Telefongut möglich: Geschenk, Ratenkauf, Ersparteskaum
Nervös bei der Befragungerwartbarebenfalls erwartbar – wer als Praktikant zum Diebstahl befragt wird, ist nervösnein

Übrig bleibt fast nichts. Keiner der drei Hinweise wäre bei einem Unschuldigen überraschend. Sie passen zu dem Verdacht, aber sie passen ebenso gut zu seinem Gegenteil, und deshalb belasten sie ihn nicht. Hinweise dieser Art heißen in der Fachsprache wenig diagnostisch: Sie verändern das Verhältnis zwischen den beiden Möglichkeiten nicht.

Die nächste Frage ist dann die aus Wasons Versuch: Welche Probe könnte den Verdacht widerlegen? Hier liegt sie auf der Hand. Ist das Telefon vor dem Tag des Diebstahls gekauft worden, fällt der zweite Hinweis ganz weg. Und wer war außer ihm noch im Sekretariat, zwischen der Zählung am Morgen und der am Abend? Erst wenn diese Fragen gestellt sind, ist der Verdacht geprüft und nicht nur gesammelt.

Diese einfache Gegenüberstellung ist keine Erfindung für Rätselfreunde. Der niederländische Rechtspsychologe Eric Rassin hat 2018 eine Papier-und-Bleistift-Methode untersucht, bei der Teilnehmer jeden Beweis danach bewerteten, wie gut er zum Hauptszenario und zu einem Alternativszenario passt. Nach seinen Ergebnissen verringerte das den Tunnelblick.

Die Gegenprobe in vier Schritten

1. Schreib deinen Verdacht auf – und darunter mindestens eine ernsthafte andere Erklärung.
2. Bewerte jeden Hinweis gegen beide: Wäre er bei der anderen Erklärung überraschend?
3. Streich, was zu beiden gleich gut passt. Es belastet niemanden.
4. Such die eine Probe, die deinen Verdacht widerlegen würde, und mach sie zuerst.

Was das für Rätselkrimis heißt

Wer Rätselfälle baut, kennt den Bestätigungsfehler seiner Leser und nutzt ihn. Der erste Verdächtige mit einem starken Motiv wird früh eingeführt, danach kommen Hinweise, die zu ihm passen, aber auch zu allen anderen. Das ist das Grundmuster der falschen Fährte, beschrieben unter Falsche Fährte. Fair ist das, solange der Fall dir alles gibt, um die Gegenprobe selbst zu machen.

Für das Lösen folgt daraus eine Arbeitsweise. Leg dich spät fest, und wenn du dich festlegst, dann schriftlich, mit den Hinweisen, die dafür sprechen, und den Hinweisen, die dagegen sprechen. Wenn die zweite Liste leer ist, hast du entweder einen sehr einfachen Fall vor dir oder du hast nicht gesucht. Wie man aus geprüften Hinweisen eine Kette baut, ohne abhängige Hinweise doppelt zu zählen, steht unter Indizienkette bauen. Und warum auch ehrliche Zeugen sich widersprechen, sodass ein Widerspruch allein noch niemanden belastet, erklärt Zeugenaussagen und ihre Widersprüche.

Bei reinen Logikgittern ist der Fehler übrigens schwerer zu begehen, weil dort jede Eintragung entweder folgt oder nicht. Wer aber anfängt, ein Feld einzutragen, weil es „passen würde“, macht im Kleinen dasselbe. Das systematische Ausschließen, das dagegen hilft, zeigt Logikrätsel lösen, und den Weg vom Verdacht zur Beweisführung Mordfall lösen.

Häufige Fragen

Was ist der Bestätigungsfehler?

Die Neigung, Informationen so zu suchen, zu lesen und zu gewichten, dass sie eine bereits gefasste Annahme stützen. Widersprechende Hinweise werden übersehen, kleingeredet oder passend umgedeutet. Im Englischen heißt das confirmation bias, in der Kriminalistik spricht man vom Tunnelblick, wenn sich eine ganze Ermittlung früh auf eine Person festlegt.

Was zeigt die 2-4-6-Aufgabe von Wason?

Der britische Psychologe Peter Wason ließ 1960 Studierende eine verborgene Regel finden, zu der die Zahlenfolge 2-4-6 passt. Sie durften eigene Folgen vorschlagen und erfuhren jeweils, ob diese zur Regel passten. Die meisten testeten nur Folgen, die ihre eigene Vermutung bestätigten, etwa 8-10-12, und lagen am Ende falsch: Die Regel lautete schlicht „drei aufsteigende Zahlen“.

Was geschah im Fall Brandon Mayfield?

Nach den Anschlägen von Madrid im März 2004 ordnete das FBI einen Fingerabdruck von einer Tüte mit Zündern irrtümlich dem amerikanischen Anwalt Brandon Mayfield zu; drei Prüfer bestätigten den Treffer. Er wurde im Mai festgenommen und kam rund zwei Wochen später frei, nachdem die spanische Polizei den Abdruck einem anderen Mann zugeordnet hatte. Der Bericht des Generalinspekteurs des Justizministeriums nannte 2006 unter anderem zirkuläres Denken als Ursache.

Wie schützt man sich gegen den Bestätigungsfehler?

Am wirksamsten ist es, die eigene Annahme gezielt anzugreifen statt sie zu stützen. Schreib zu deinem Verdacht mindestens eine ernsthafte Gegenhypothese auf und bewerte jeden Hinweis danach, wie gut er zu beiden passt. Suche nach dem Test, der deine Vermutung widerlegen könnte, und lege dich so spät wie möglich auf eine Person fest.

Schützt Erfahrung vor dem Tunnelblick?

Nicht zuverlässig. Im Fall Mayfield arbeiteten erfahrene Fachleute, und gerade das Vertrauen in ihre Sorgfalt trug dazu bei, dass ein frühzeitiger Einwand aus Spanien nicht ernst genug genommen wurde. Erfahrung hilft beim Finden von Spuren, aber der Bestätigungsfehler ist eine Eigenschaft menschlichen Denkens, keine Frage der Ausbildung. Gegen ihn helfen eher feste Verfahren als Selbstvertrauen.

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