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Sudoku lösen: vom Einzelkandidaten zum nackten Paar

Die meisten lösen Sudoku mit einer einzigen Technik und halten alles darüber für Begabung. Es sind fünf, und die vierte ist der Punkt, an dem es kippt.

Anselm Winter 12 Min. Lesezeit 24. September 2026

Weiße Zahlen auf farbig bemalten Pflastersteinen bilden ein Raster, schräg von oben fotografiert
Foto: Jan van der Wolf · Pexels

Fast jeder, der Sudoku löst, benutzt eine einzige Technik: durchgehen, wo eine Ziffer noch fehlt, und sie eintragen. Damit kommt man durch die leichten Rätsel und bleibt bei den mittleren stecken – nicht aus Mangel an Konzentration, sondern weil ab dort eine zweite Sichtweise nötig ist, die niemand von selbst entwickelt.

Die Regel und die eine Folgerung

In jeder Zeile, jeder Spalte und jedem der neun Blöcke steht jede Ziffer von 1 bis 9 genau einmal. Das ist die ganze Regel. Die entscheidende Folgerung daraus wird selten ausgesprochen: Jedes Feld gehört zu drei Einheiten gleichzeitig – einer Zeile, einer Spalte und einem Block. Jede Eintragung wirkt deshalb an drei Stellen, und jede Einschränkung kommt aus drei Richtungen.

Genau das ist der Grund, warum Sudoku ohne jedes Vorwissen funktioniert. Die Ziffern sind austauschbare Zeichen; man könnte ebenso gut neun Farben nehmen. Gerechnet wird nicht.

Woher es kommt

Das Rätsel ist jünger, als viele annehmen, und es ist zweimal erfunden worden. Die Form, die wir heute kennen, veröffentlichte 1979 die amerikanische Zeitschriftenreihe Dell Pencil Puzzles & Word Games unter dem Namen „Number Place“. Als Urheber gilt Howard Garns, ein pensionierter Architekt aus Indianapolis. Sein Name stand nie unter den Rätseln – der Rätselhistoriker Will Shortz schloss auf ihn, weil Garns in der Mitarbeiterliste genau jener Ausgaben auftauchte, die ein Number Place enthielten, und in den anderen fehlte. Garns starb 1989, mehr als ein Jahrzehnt bevor seine Erfindung weltweit bekannt wurde.

Den Namen bekam das Rätsel in Japan. Der Verlag Nikoli brachte es im April 1984 unter der Überschrift 数字は独身に限る, sinngemäß „die Ziffern müssen einzeln bleiben“, was im Gebrauch zu Sudoku verkürzt wurde. Nikoli führte 1986 zwei Regeln für die eigenen Rätsel ein, die bis heute prägen, was als elegant gilt: höchstens 32 Vorgaben, und die Vorgaben punktsymmetrisch verteilt.

Nach Europa kam es über einen Einzelnen. Der Richter Wayne Gould sah 1997 in einem japanischen Buchladen ein halb gelöstes Rätsel, schrieb über Jahre ein Programm, das eindeutige Sudoku erzeugt, und überzeugte im November 2004 die Londoner Times, eine tägliche Spalte zu drucken. Danach ging es sehr schnell.

Siebzehn

Wie wenige Vorgaben reichen für ein eindeutig lösbares Sudoku? Lange war siebzehn eine Vermutung. 2012 bewies Gary McGuire mit seinem Team durch eine erschöpfende Rechnersuche, dass es kein Sudoku mit sechzehn Vorgaben und genau einer Lösung gibt. Mit siebzehn gibt es viele – rund 49.000 verschiedene sind bekannt.

Technik 1: Der nackte Einzelkandidat

Du schaust auf ein Feld und prüfst, welche Ziffern in seiner Zeile, seiner Spalte und seinem Block schon stehen. Bleibt genau eine übrig, ist sie gesetzt.

Rechenweg

Ein Feld links oben. In seiner Zeile stehen bereits 4, 3, 2 und 9. In seiner Spalte stehen 1 und 6. In seinem Block stehen 4, 5 und 7.

Verboten sind damit 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 und 9 – zusammen acht verschiedene Ziffern.
Übrig bleibt: 8.

Das ist die Technik, die jeder von selbst findet. Sie reicht für leichte Rätsel und ungefähr das erste Drittel eines mittleren.

Technik 2: Der versteckte Einzelkandidat

Jetzt die Sichtweise, die den Unterschied macht. Statt ein Feld zu fragen, welche Ziffern es aufnehmen kann, fragst du eine Ziffer, in welche Felder sie überhaupt noch passt.

Nimm einen Block mit fünf freien Feldern, in dem die Ziffern 1, 4, 5, 6 und 9 fehlen. Geh die 9 durch:

Wo kann die 9 hin?

Drei der fünf freien Felder liegen in derselben Spalte – und in dieser Spalte steht weiter unten bereits eine 9. Alle drei fallen aus.
Ein viertes Feld liegt in einer Zeile, die schon eine 9 enthält. Fällt aus.
Bleibt ein Feld.

In diesem Feld wären rechnerisch 4, 5 und 9 möglich – als nackter Einzelkandidat hättest du es also nie gefunden. Trotzdem steht dort zwingend die 9, weil sie sonst im ganzen Block keinen Platz hätte.

Das ist der eigentliche Hebel. Wer nur Technik 1 kennt, übersieht systematisch alle Felder mit mehreren Möglichkeiten – und das sind in einem mittleren Rätsel die meisten. Geh nach jeder Eintragung die neun Ziffern einmal durch und frag für jede: Wo kann sie in diesem Block noch hin?

Technik 1 fragt das Feld. Technik 2 fragt die Ziffer. Zwischen beiden liegt der Unterschied zwischen leicht und mittel.

Technik 3: Die Kandidatenliste

Ab dem Punkt, an dem die ersten beiden Techniken nichts mehr hergeben, schreibst du in jedes freie Feld klein alle Ziffern, die dort noch möglich sind. Das ist Fleißarbeit, aber die Voraussetzung für alles Weitere.

Zwei Regeln dazu. Erstens: Fang nicht zu früh damit an. Eine vollständige Liste für ein fast leeres Gitter schreibst du zur Hälfte umsonst. Zweitens: Pflege sie konsequent. Nach jeder Eintragung streichst du die Ziffer in allen Feldern derselben Zeile, Spalte und desselben Blocks. Eine halb gepflegte Liste ist schlimmer als keine, weil du ihr dann nicht mehr trauen kannst und trotzdem auf sie schaust.

Technik 4: Das nackte Paar

Hier kippt es. Wenn zwei Felder derselben Einheit dieselben zwei Kandidaten tragen und sonst nichts, dann belegen diese beiden Ziffern diese beiden Felder – in irgendeiner Reihenfolge, aber sicher. Also darf keine der beiden Ziffern sonst irgendwo in dieser Einheit stehen.

Ein Paar, das ein Nachbarfeld löst

Im oberen mittleren Block stehen bereits 3, 9 und 6. In der sechsten Spalte stehen 9, 2, 7, 3 und 8.

Feld A liegt in Zeile 1; dort stehen schon 4, 3, 2, 9.
Verboten: 4, 3, 2, 9 (Zeile) + 9, 2, 7, 3, 8 (Spalte) + 3, 9, 6 (Block) → Kandidaten 5

Feld B liegt in derselben Spalte, in Zeile 3; dort stehen 7, 6, 4, 3.
Verboten: 7, 6, 4, 3 + 9, 2, 7, 3, 8 + 3, 9, 6 → Kandidaten 5

Damit sind 1 und 5 in dieser Spalte auf A und B festgelegt.

Feld C liegt in Zeile 1, eine Spalte weiter links; in seiner Spalte stehen 6, 8 und 1.
Verboten: 4, 3, 2, 9 (Zeile) + 6, 8, 1 (Spalte) + 3, 9, 6 (Block) → Kandidaten 7
Das Paar streicht die 5. Übrig: 7.

Beachte, was hier passiert ist: Kein einziges Feld wurde durch Ausschluss von Ziffern in ihm selbst gelöst. Feld C hatte zwei Kandidaten und wurde eindeutig, weil zwei ganz andere Felder gemeinsam eine Ziffer beanspruchten. Das ist derselbe Gedanke, der beim Logikrätsel hinter geschlossenen Ketten steckt.

Die Verwandte des nackten Paares ist das versteckte Paar: Zwei Ziffern kommen in einer Einheit nur noch in denselben zwei Feldern vor. Dann gehören diese Felder den beiden Ziffern, und alle anderen Kandidaten dort dürfen gestrichen werden – auch wenn in den Feldern noch vier oder fünf Ziffern notiert sind. Das ist schwerer zu sehen und wirkt genauso stark.

Technik 5: Das Zeigepaar

Die letzte Technik, die man ohne Papierkrieg anwenden kann, verbindet Block und Zeile. Wenn eine Ziffer innerhalb eines Blocks nur noch in Feldern einer einzigen Zeile möglich ist, dann steht sie zwingend in dieser Zeile – wo genau, ist noch offen, aber sie steht im Block, und der Block liegt in dieser Zeile.

Folglich kann dieselbe Ziffer in derselben Zeile außerhalb des Blocks nicht mehr vorkommen. Du streichst sie in den sechs Feldern der Zeile, die zu den beiden anderen Blöcken gehören. Dasselbe gilt spaltenweise.

Diese Technik löst kein Feld direkt. Sie räumt Kandidaten weg – und schafft damit regelmäßig die Voraussetzung für einen versteckten Einzelkandidaten zwei Blöcke weiter.

Die Reihenfolge, die Arbeit spart

SchrittTechnikWann
1Nackte Einzelkandidatensolange welche kommen
2Versteckte Einzelkandidaten, Block für Blocknach jeder Eintragung
3Kandidatenliste anlegenerst wenn 1 und 2 nichts mehr geben
4Nackte und versteckte PaareEinheit für Einheit durchgehen
5Zeigepaarewenn die Paare nichts mehr hergeben

Nach Schritt 5 gehst du zurück zu Schritt 1. Fast immer sind inzwischen Felder eindeutig geworden, die es vorher nicht waren. Erst wenn ein vollständiger Durchlauf durch alle fünf Schritte nichts Neues bringt, brauchst du etwas Schwereres – und dann hast du es mit einem Rätsel zu tun, das ausdrücklich für Fortgeschrittene gebaut wurde.

Die Disziplin, die Fehler verhindert

Der teuerste Fehler beim Sudoku ist nicht der falsche Schluss, sondern der unsaubere. Er entsteht fast immer an einer von zwei Stellen.

Die erste: Du setzt eine Ziffer, weil sie sehr wahrscheinlich stimmt, und nicht, weil sie zwingend ist. Fünf Schritte später bricht das Gitter zusammen, und weil du nicht markiert hast, welcher Eintrag der unsichere war, musst du von vorn anfangen. Wenn du dennoch einmal probieren willst – bei manchen ausdrücklich schweren Rätseln bleibt nichts anderes –, notiere den Versuchseintrag anders als die sicheren, etwa in einer anderen Farbe.

Die zweite: Du streichst nach einer Eintragung nur zwei der drei Einheiten. Jedes gesetzte Feld wirkt auf Zeile, Spalte und Block. Gerade der Block wird übersehen, weil er optisch nicht in einer Linie liegt. Eine Kandidatenliste, in der ein einziger Strich fehlt, führt zuverlässig zu einem falschen Einzelkandidaten – und der Fehler zeigt sich weit entfernt von der Stelle, an der er entstanden ist.

Beide Fehler haben dieselbe Gegenmaßnahme: nach jeder Eintragung alle drei Einheiten durchgehen, und zwar sofort. Das kostet fünf Sekunden und ist der Unterschied zwischen einem Rätsel, das aufgeht, und einem, das man zweimal löst.

Was danach kommt

Jenseits dieser fünf beginnen Techniken mit Namen wie X-Wing oder Schwertfisch. Der Gedanke dahinter ist immer derselbe: Eine Ziffer ist in zwei Zeilen auf dieselben zwei Spalten beschränkt, und daraus folgt, dass sie in diesen Spalten sonst nirgends stehen kann. Das ist kein neues Prinzip, sondern das Paar aus Technik 4, angewandt auf Zeilen statt auf Felder.

Für den Alltag brauchst du sie nicht. Die allermeisten Rätsel in Heften und Zeitungen sind mit den fünf Schritten oben vollständig lösbar, und wenn eines es nicht ist, lohnt der Blick auf die Quelle mehr als der auf die eigene Technik.

Ein Satz noch zu einem Versprechen, das auf vielen Sudokuheften steht: Wer täglich Sudoku löst, wird im Sudoku besser, das ist sicher. Ob davon auch das Gedächtnis im Alltag profitiert, ist eine andere Frage, und die Antwort der großen Studien ist ernüchternder als die Umschläge – nachzulesen unter Gehirnjogging: was Rätsel belegbar leisten.

Wer den Umgang mit Kandidatenlisten mag, findet dieselbe Denkweise mit Zahlen und Summen unter Kakuro und Str8ts, in Buchstabenform unter Kreuzworträtsel lösen und als Bild unter Nonogramm lösen. Welche dieser Gattungen zu welchem Kopf passt, steht unter Rätselbücher für Erwachsene.

Häufige Fragen

Muss man bei einem Sudoku jemals raten?

Bei einem sauber gebauten Sudoku nie. Jedes Rätsel aus einer geprüften Quelle hat genau eine Lösung, und diese Lösung ist Schritt für Schritt erreichbar. Wenn du an einen Punkt kommst, an dem nur noch Probieren hilft, hast du entweder eine Technik noch nicht im Werkzeugkasten oder weiter oben einen Fehler gemacht.

Was ist der Unterschied zwischen nacktem und verstecktem Einzelkandidaten?

Beim nackten Einzelkandidaten schaust du auf ein Feld und stellst fest, dass dort nur noch eine Ziffer möglich ist. Beim versteckten schaust du auf eine Ziffer und stellst fest, dass sie in dieser Zeile, Spalte oder diesem Block nur noch in ein einziges Feld passt – auch wenn in diesem Feld rechnerisch mehrere Ziffern möglich wären. Die zweite Sichtweise findet deutlich mehr.

Wie viele Vorgaben braucht ein Sudoku mindestens?

Siebzehn. Das war jahrelang eine Vermutung und wurde 2012 von Gary McGuire und seinem Team durch eine erschöpfende Rechnersuche bewiesen: Ein Sudoku mit sechzehn Vorgaben und genau einer Lösung existiert nicht. Rätsel mit siebzehn Vorgaben gibt es dagegen viele, bekannt sind rund 49.000 verschiedene.

Wann lohnt es sich, alle Kandidaten einzutragen?

Sobald du mit den Einzelkandidaten nicht mehr weiterkommst – vorher nicht. Eine vollständige Kandidatenliste für ein noch weitgehend leeres Gitter ist viel Schreibarbeit, die sich nach drei Eintragungen zur Hälfte erledigt hat. Löse also erst alles Offensichtliche und notiere die Kandidaten dann für den Rest.

Was mache ich, wenn ich mich verrechnet habe?

Such den Fehler dort, wo du zuletzt geraten oder dich beeilt hast, nicht dort, wo der Widerspruch auffällt. Ein falsch gesetztes Feld zeigt sich typischerweise erst mehrere Schritte später und in einem ganz anderen Bereich des Gitters. Wenn du eine Ziffer doppelt in einer Zeile stehen hast, ist meistens der spätere der beiden Einträge der falsche.

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